Die folgenden Bilder und Notizen zur künstlerischen Ausstattung von St. Johannis stammen von Hannes Bezzel und wurden 2001 formuliert. Er selbst schätzt seine Gedanken so ein:
So beruhen die Ausführungen zu den einzelnen Stationen auch weniger auf „Fakten“ als vielmehr auf Assoziationen. Derartige Interpretationen sind – nicht Glückssache – aber natürlich immer nur Versuche. Sie sind das Ergebnis eines je eigenen Wechselspiels von Erinnerungen, Stimmungen, Gedanken ... und das kann und will niemals Anspruch auf Objektivität erheben. – Lassen Sie sich in St. Johannis selbst dazu anstiften!
Der „Zwölfbotenaltar“ wurde von Karl Hemmeter geschaffen, war noch für die alte Johanniskirche vorgesehen und in der Notkirche im Saalbau Luisengarten (1948) als halbrundes Altarbildwerk aufgestellt. In der neu aufgebauten Johanniskirche (1957) wurde die Figurengruppe an der S-O-Wand platziert. Sie stellt eine Szene aus dem vierten Evangelium dar: Die Fußwaschung der Jünger durch Jesus (Joh 13).
Die beiden Jünger in der mittleren Gruppe sind sehr unterschiedlich dargestellt: Der rechte Jünger – es könnte der Simon Petrus der biblischen Erzählung sein – wendet sich ab, als Jesus ihm den Fuß waschen möchte. Seine Haare fallen über sein Gesicht, es ist eine Haltung des Unwillens und der Scham, die er einnimmt. Der linke Jünger dagegen wendet sich Jesus zu, seine Handhaltung ist offen, sein Haar fällt auf die abgewandte Seite und lässt sein Gesicht erkennen. Er ist bereit, Jesu Dienst an ihm anzunehmen und weiterzugeben.
Dieser selbst blickt als Einziger der Gruppe nach vorne, in die Ferne oder – in die Gemeinde, zum Betrachter. Sein Gesicht wirkt fast starr. Es wirkt, als habe auch er schon viel an Leid gesehen. Es ist vielleicht das zweitausendjährige Wissen um die immer wieder neue Missachtung seines „neuen Gebotes“, das dieser Gesichtsausdruck widerspiegelt. Dieses Gebot ist in Joh 13,34 überliefert, es war über diesem Altar in der Notkirche angeschrieben und ist auch auf einer der Glocken der Kirche hier zu lesen: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt.“ Durch den direkten Blick Jesu zum Betrachter wird deutlich, dass dieser Satz nicht nur für die ihn umgebenden zwölf ‚Boten’ gilt, sondern an die Betrachterin und den Betrachter selbst gerichtet ist. Er will aus der Kirche hinaus mit ins Leben genommen werden.
Jesus wird beidseitig von stehenden Figuren flankiert, die sich, je fünf, auf das Geschehen in der mittleren Dreiergruppe hin ausrichten. So verschieden sie jeweils sind, allen ist anzumerken, dass sie viel durchgemacht haben – es sind Gesichter, die den Krieg und das Kriegsende gesehen haben. Es sind „die Zwölf“, aber nicht namentlich die zwölf Jünger der Bibel, denn es fällt auf, daß einige von ihnen weibliche Züge tragen (so die zweite Figur von links, die zweite von rechts und die fünfte von rechts). Teilweise stützen, halten (trösten?) sie einander, Jesu Auftrag zur gegenseitigen Hilfe aufnehmend, den er in der dargestellten Geschichte gibt: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe“(Joh 13,15).
Die Altarplastik stammt, wie auch die Kreuzigungsgruppe in St. Stephan, vom Münchner Bildhauer Helmut Amman. Dargestellt ist die „Majestas Domini“, die Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag, wie sie in den drei synoptischen Evangelien verheißen wird: „Und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen“ (Mt 24,30f. und Parallelstellen).
Der Künstler hat sich bei seiner Arbeit stark an Vorbildern des Mittelalters orientiert: Wie dort, so erscheint auch hier Christus auf einem Regenbogen sitzend, den Erdkreis zu seinen Füßen. Dabei ist er oval eingefasst in eine Mandorla, eine Strahlengloriole, die hier allerdings von den Flügeln der Engel gebildet wird. Gelegentlich empfinden Betrachter diese Darstellung als bedrohlich oder bedrückend, und in der Tat, dieser Christus hat alle süßlichen Züge der Jesusbilder des 19. Jahrhunderts abgestreift. Er ist, in zwei langen Weltkriegen, durch den Tod des Karfreitags gegangen. Und er hat die Auferstehung erfahren, in neuer Gestalt - ebenso wie die St. Johanniskirche.
Ammans Gerichtsplastik unterscheidet sich jedoch von den mittelalterlichen Vorbildern: Sein Christus hält in der Rechten nicht das Schwert, sondern erhebt sie zum Segen. So gewinnt die Gerichtsszene einen anderen Charakter. Im Chorraum, der ohne sichtbare Fenster ist, aber indirekte Beleuchtung von Süden her erfährt, wirkt sie, fast wider Erwarten, nicht düster. Es ist so, wie es Jochen Klepper in seinem bekannten Adventslied anklingen läßt (EG 16): „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.“
Auf einer kleinen Konsole an der Wand sehen sie eine weitere Christusfigur. Diese spätgotische Arbeit eines unbekannten Meisters zeigt den Auferstandenen. In seiner linken Hand hielt er einmal die Siegesfahne – die Fahne mit dem Kreuz, dessen Qualen nicht einfach vergessen sind: Deutlich sichtbar sind die Wundmale an Händen, Füßen und an der Seite.
Zwischen dieser Christusfigur und dem im Altarraum hängenden wiederkehrenden Christus gibt es einige Gemeinsamkeiten: Beide zeigen Christus als den Sieger über den Tod, hier als den „Erstling unter denen, die entschlafen sind“ (1Kor 15,20), dort als den Vollender, so wie es bei Paulus heißt: „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod“ (1Kor 15,26). Beide vollziehen sie mit ihrer rechten Hand die gleiche Geste, die Geste des Segnens.
Ein Modell wurde vom Künstler bereits 1965 gefertigt. Da er in der Sowjetunion nicht toleriert war, konnte es zu dessen Lebzeiten nicht in voller Größe realisiert werden. Erst 1993 war es möglich, sein Vermächtnis an die Stadt Würzburg zu erfüllen und die Statue an diesem Platz aufzustellen.
Das eindrucksvolle Werk ist maßgeblich durch den Gegensatz „weich – hart“ strukturiert: Hier der Mensch, in runden Formen, schräg zur Betrachtungsebene gekrümmt – dort die Bombe, kantig und gerade, senkrecht in den Boden gerammt. Als ein großer Nagel ist sie gestaltet, der das hilflose Opfer durchbohrt hat – nicht ohne Berechtigung assoziiert man das Bild des Gekreuzigten.
Ein bloßes Werkzeug ist diese Bombe in ihrer geometrischen Perfektion, selbst kühl und emotionslos, ohne Verantwortung – wie eben die hochtechnisierten Vernichtungsmaschinerien des 20. und auch unseres Jahrhunderts. In erdrückender Direktheit offenbart sich der Zynismus des Krieges: Die militärische Rede von Menschen als „weichen Zielen“ wird hier in ihrer wahren Bedeutung fassbar. In der Nacht zum 16. März 1945 ereilte mit der Würzburger In-nenstadt auch die alte St. Johanniskirche, die 1895 eingeweiht worden war, der „Tod durch Bomben“ – bis auf den verbliebenen Turmstumpf wurde sie völlig zerstört.
Die Taufkapelle weist auf den ursprünglichen Namenspatron der Kirche, Johannes den Täufer hin. Sie ist nach Art zweier Apsiden gebaut. Zum linken Fenster:
Ein grauer Untergrund, zerteilt von roten Flächen, wird durchbrochen von zwei leuchtend gelben Zungen, in denen ein Lamm und eine Taube zu sehen sind. Allegorisch wird hier die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer dargestellt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“, sagt er bei ihrer Begegnung in Joh 1,29 und bezeugt: „ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm“ (Joh 1,31).
Zweifach bricht Gottes Selbstoffenbarung leuchtend in das Grau der Welt hinein, ‚von unten‘, wie ein Stalagmit, im Menschen Jesus Christus, ‚von oben‘, wie ein Stalaktit, durch den Heiligen Geist.
Das tiefe Rot der in das Grau eingebetteten Flächen weist aber noch auf eine andere Dimension hin: Christus ist das Lamm Gottes, dessen Blut vergossen wird als „Blut des Bundes [...] zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). So erinnert das Fenster an den von Jesus gestifteten Neuen Bund und symbolisiert das damit verbundene Sakrament des Heiligen Abendmahls, um das sich die Gemeinde im Gottesdienst versammelt.
Die Taufkapelle weist auf den ursprünglichen Namenspatron der Kirche, Johannes den Täufer hin. Sie ist nach Art zweier Apsiden gebaut. Zum rechten Fenster:
Ein grauer Grund wird von blauen Flächen unterteilt. Man könnte an die Schöpfung denken, an die Trennung zwischen Festland und Meer (Gen 1,9f.) oder auch an das Ende der Sintflut (Gen 8,5). In beiden Fällen wird von Wasser in seiner chaotischen, zerstörerischen Form erzählt, das von Gott in seine Schranken gewiesen werden muss, um Leben zu ermöglichen. Dann aber kann es „lebendiges Wasser“ (vgl. Joh 7,38) werden, Wasser des Lebens, das graues, ödes Land befruchtet.
Diesen lebensspendenden Aspekt greift das linke der drei eingefügten Bilder auf: Johannes der Täufer tauft die zu ihm in die Wüste gekommenen Menschen im Jordan (vgl. Mk1,1-8; Mt 3,1-12; Lk 3,1-18; Joh 1,19-27). Die unter seinen Füßen abgebildeten Attribute, die Biene und die Heuschrecke machen ihn leicht erkennbar: Nach Mk 1,6 und Mt 3,4 aß Johannes „Heuschrecken und wilden Honig.“
Auf dem mittleren Bild sehen wir Mose mit den zweiten Gesetzestafeln vom Berg Sinai herabsteigen. Seine Hand ist rot betont, er hebt sie wie zum Schwur, um den geschlossenen Bund zu besiegeln. Goldgelb steht der Glanz über seinem Kopf, der von der direk-ten Begegnung mit Gott zeugt: „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wußte nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte“ (Ex 34,29).
Im dritten Bild schließlich sehen wir ein Herz, eingeschlossen in graue Blöcke – verhärtet und versteinert. Doch man kann erkennen, wie blau-rote Tropfen beginnen, den Stein aufzuweichen. Dort, wo sie ihn berühren, ist er bereits hellgrau. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, kann man denken und, in Zusammenhang mit dem Mosefenster wird man an die Verheißung aus dem Buch Jeremia erinnert: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen [...] Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein“ (Jer 31,31-33). In seiner Gegenwart, die in den Sakramenten erfahrbar ist, kommt Gott immer wieder auf uns zu, um seinen Bund mit uns zu schließen und zu bekräftigen. Dies wird durch die zweifarbigen Tropfen symbolisiert: Rot für den Wein des Abendmahles, Blau für das Wasser der Taufe.
Zwar ist der Namenspatron der Kirche eigentlich Johannes der Täufer, doch nahm man das bei der Gestaltung der zweiten Johanniskirche nicht ganz so genau und orientierte sich vorrangig an seinem Namensvetter, dem Evangelisten Johannes.
Sein Symbol, der Adler, ist auf dem (schwer sichtbaren) Rundfenster im Turm dargestellt. Und auch die Tür ist mit Szenen aus dem Johannesevangelium versehen. Jesus steht dabei jeweils im Mittelpunkt, so dass man beim Betreten des Kirchenraumes das bei Johannes überlieferte Wort nachvollziehen kann: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden“ (Joh 10,9). Nach diesem Leitwort sind auch die dargestellten Episoden ausgewählt: Es sind die sieben Wunder Jesu, von denen uns das Johannesevangelium berichtet. Die Künstlerin, Inge Seyffart, hat sie auf Kernelemente reduziert und auf traditionelle Attribute weitgehend verzichtet – nur das Geschehen zwischen Jesus und den Menschen ist dargestellt. Das macht es allerdings nicht leicht, die einzelnen Gruppen zuzuordnen.
Von unten nach oben sehen Sie: Die Speisung der 5000 (über beide Flügel verteilt, Joh 6,1-15), die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12), die Heilung des Lahmen am Teich Bethesda (Joh 5,1-14), der Wandel Jesu auf dem See (Joh 6,16-21), Die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten (Joh 4,43-54) , die Heilung des Blindgeborenen (Joh 9) und die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-45).